DAS MÄDCHEN MIT DEN ÄNGSTLICHEN AUGEN
I got a bad desire
Oh oh I’m on fire
(John Mayer)
1. Das ganz grosse neue Ding
Alys verdreht die Augen ein wenig. Die Frau im Spiegel tut es ihr gleich.
«Jetzt mach schon, wir kommen zu spät», quengelt Mascha hinter ihr.
Resigniert greift Alys nach dem schwarzen Kajal. Flüchtig schiesst ihr der Gedanke durch den Kopf, dass Maschas Kleinmädchentonfall schlecht zu der 27-jährigen Frau passt, die sie ist. Eigentlich.
Alys beugt sich etwas vor und reisst das linke Auge auf. «Ich weiss immer noch nicht, warum du da genau hinwillst», murmelt sie und versucht, eine präzise Linie zu malen.
Sie mag es nicht, sich vor Mascha zu schminken, weil ihre beste Freundin doch viel besser ist in solchen Dingen als sie selbst. Noch weniger mag sie es, wenn sie es anscheinend eilig haben.
Diesmal verdreht Mascha die Augen. Sie sind gross und braun und mit viel grauem Lidschatten und Wimperntusche wirksam in Szene gesetzt. Der Begriff Rehaugen mag abgedroschen klingen, aber er passt wie die Faust aufs Auge. Augen wie Audrey Hepburn. Alys hat sie schon immer etwas darum beneidet. Braune Augen schienen ihr schon als Kind das Mass aller Dinge zu sein. Vielleicht weil ihre ganze Familie blauäugig ist. Augen hatten es ihr schon immer angetan und sie fasziniert. Vielleicht hätte sie doch Optikerin werden sollen. Was auch immer.
Mascha verlagert ihr Gewicht elegant auf das andere Bein und beginnt, die Gründe, warum sie dorthin will, an ihren Fingern abzuzählen. «Man muss ihn einfach gesehen haben. Er ist das ganz grosse Ding. Und wir waren ewig nicht mehr zusammen weg.» Da ist er wieder, der quengelige Tonfall.
«Ich weiss», sagt Alys. Aber heute ist wieder einer dieser Abende, an dem sie einfach nur auf dem Sofa sitzen will, die Finger an einer grossen Tasse Kaffee wärmen und nichts tun. Die Heizung tut mal wieder schwierig und will ihre Zweizimmerwohnung nicht recht aufwärmen. Vielleicht eine DVD einschieben. «North and South» mit dem unvergleichlichen Richard Armitage hilft immer an Abenden wie diesem.
Alys legt den Kajal wieder hin und kramt in ihrem Kosmetikbeutel, unzählige rote Herzen tummeln sich auf dem schwarzen Stoff, der so tut, als sei er Samt. Ihre Vorliebe für Herzen sorgt immer wieder für spöttische Bemerkungen ihrer Freunde. Sie sind überall, in der Form von Schlüsselanhängern, Medaillons und Anhängern an ihren Halsketten, aufgedruckt auf ihren Notizbüchern, finden sich an Armspangen und sogar an Reissverschlüssen. Sie weiss selbst nicht so genau, warum. Sie gefallen ihr einfach. Und manchmal merkt sie erst später, dass sie wieder etwas gekauft hat, das in irgendeiner Form ein Herz aufweist. Sie findet endlich die Wimperntusche und öffnet sie. Hinter ihr tritt Mascha ungeduldig von einem Fuss auf den anderen. Sie sagt nichts, aber Alys hört es genau.
«Ich bin gleich fertig», sagt sie rasch und versucht, ihre Stimme besänftigend klingen zu lassen. Normalerweise ist sie immer schneller fertig als Mascha, ihre Freundin ist die Eitlere der beiden. Aber heute kam kurz vor sieben noch ein Anruf eines potentiellen Kunden und hatte sie aufgehalten.
Sie wirft einen letzten Blick in den Spiegel. Die Lust, auszugehen ist immer noch nicht grösser geworden. Der wenige Schlaf der letzten Zeit hat ihre Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen und blaue Schatten unter ihre Augen gemalt. Ich sehe müde und abgespannt aus. Etwas zu viel Arbeit in der letzten Zeit. Die viele Arbeit mit etwas zu vielen späten Drinks mit Jasper kompensiert.
Jasper. Hastig verdrängt sie Gedanken, bevor Mascha ihrem Gesicht ansieht, woran sie denkt.
Alys nimmt ihre schwarze Lederjacke vom Haken, schlüpft hinein und wickelt sich den dicken cremefarbenen Wollschal um den Hals. Es ist November und kalt draussen. Noch ein Argument, zu Hause zu bleiben, aber sie wird Mascha nicht davon abbringen können. Wenn Mascha sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kann nichts und niemand sie davon abhalten. Auch Schneeregen nicht.
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